ZNS = Ziemlich Negative Studienergebnisse? Oder: Ein Hoch auf die ZNS-Forschung!

„Welche Indikation ist Dir besonders nahe?“ Die Frage des Kollegen kam unvermittelt, aber lange überlegen musste ich trotzdem nicht: „Alles, was mit dem zentralen Nervensystem (ZNS) zu tun hat.“ „Und warum?“ wollte er wissen. „Weil der erste Kunde, für den ich gearbeitet habe, in den Bereichen Depression und Schmerz einen Schwerpunkt hatte und ich dabei Patienten kennengelernt habe, die ohne die medikamentöse Therapie fast am Ende waren.“ Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr war mir wieder der geschilderte Leidensdruck präsent – und mir wurde einmal mehr die Wichtigkeit unserer Arbeit deutlich.

Seitdem habe ich viele Wirkstoffe im ZNS-Bereich betreut, darunter Medikamente gegen Angststörungen, Multiple Sklerose und Migräne sowie Therapien gegen Spastiken und Myasthenia gravis. Die Mechanismen, Prävalenzen, Symptome und Behandlungsansätze waren dabei natürlich immer unterschiedlich, gemein ist allen ZNS-Krankheitsbildern jedoch der große therapeutische Bedarf: Der von der WHO veröffentlichte „Global Burden of Disease-Report“ zeigt, dass die weltweiten Top-30-Ursachen für die so genannten „years lived with disability“ zu über 40 % auf neurologische Erkrankungen zurückzuführen sind.1

ZNS-Forschung: anspruchsvoll ist untertrieben

Obwohl der „medical need“ für ZNS-Erkrankungen also ausgesprochen groß ist, kommen im Vergleich zu anderen Indikationen nur wenige neue Wirkstoffe auf den Markt – und die betreffen vor allem die Therapie der Multiplen Sklerose sowie die Migräne-Prophylaxe. Neue Entwicklungen in den Bereichen Alzheimer, Depression oder Schizophrenie sucht man dagegen – mit wenigen Ausnahmen – weitestgehend vergeblich. Wieso ist das so? Ein Grund hierfür ist sicherlich, dass sich im Laufe der letzten Jahre viele Unternehmen aus der ZNS-Forschung zurückgezogen haben.2 Das wiederum hängt mit dem zweiten Grund zusammen, der eine generelle Herausforderung für viele ZNS-Entwicklungen darstellt: Die erfolgreiche Zulassung neuer Wirkstoffe ist für viele neurologische Erkrankungen extrem schwierig. Während beispielsweise die Erfolgsrate für die Zulassung eines neuen onkologischen Wirkstoffes 20 % beträgt, liegt diese für eine ZNS-Erkrankung wie Alzheimer bei nur 0,5 %.3,4,5 Ein Grund dafür ist der ausgeprägte Placeboeffekt in ZNS-Studien, da hier der Therapieerfolg häufig nur anhand von Fragebögen stattfinden kann und damit der subjektiven Bewertung von Patienten oder Behandlern unterliegt. Objektive Kriterien wie Blutwerte oder bildgebende Verfahren können meistens nicht herangezogen werden.

Erschwerend kommt hinzu, dass für viele ZNS-Erkrankungen – etwa Depressionen oder Schizophrenie – nur ungefähre Vorstellungen bestehen, wodurch diese ausgelöst werden. Die tatsächlichen Ursachen und Abläufe dieser Erkrankungen sind im Detail letztlich unbekannt. Umso größer ist meine Anerkennung für die Unternehmen, die auch weiterhin (erhebliche) Mittel in die Erforschung dieser Krankheiten investieren und sich diesen Herausforderungen stellen. Denn wie gesagt: Der Bedarf ist groß. In diesem Sinne also ein Hoch auf die ZNS-Forschung!

1 GBD 2015. Lancet 2016; 388(10053): 1545-1602.
2 https://www.biopharmadive.com/news/amgen-exits-neuroscience-rd-as-pharma-pulls-back-from-field/566157/
3 Paul SM et al. Nature Rev Drug Discov 2010; 9(3): 203-214.
4 Calcoen D, Elias L, Yu X. Nature Rev Drug Discov 2015; 14(3): 161-162.
5 Cummings J, Morstorf T, Lee G. Alzheimers Dementia 2016; 2(4): 222-232.

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Über den Autor:

Gunnar Lühring ist Account Director und Prokurist bei m:werk. Nach dem Publizistikstudium (Mainz) in die Healthcare-Communication eingetaucht und vom Frei- zum Rettungsschwimmer gewachsen. Langjährige Erfahrung mit den verschiedenen Instrumenten der medizinischen (Fach-) Kommunikation und stets mit Überzeugung bei der Sache.

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