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Achtsamkeit in der Krebstherapie: Esoterik-Schublade oder wissenschaftlich fundiert?

„Achtsamkeitsübungen?! Und was kommt als Nächstes? Klangschalentherapie und Räucherstäbchen anzünden? Was soll das denn für eine Esoterik-Sache werden?“ Herr Wagner schnaubt und sitzt seinem behandelten Onkologen gegenüber. Dieser hatte ihm eben empfohlen, ergänzend zu der bald startenden Chemotherapie, Kontakt zu der Psychoonkologie der Klinik aufzunehmen und am MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) Programm teilzunehmen. Herr Wagner ist wütend und fassungslos, was ihm der Oberarzt da vorschlägt.

Diese Geschichte ist fiktiv. Jedoch könnte sie so oder so ähnlich täglich passieren. Und wie Herr Wagner, werden sich einige fragen, was hat Achtsamkeit mit Krebstherapie zu tun und wie soll sie helfen können? Kann Achtsamkeit Patienten und Patientinnen mit Krebs mehr Lebensqualität bringen? Gar den Krebs heilen?

Was versteht man unter Achtsamkeit?

Der Psychologe Prof. Dr. Stefan Schmidt (Medizinische Fakultät und Sektion Systemische Gesundheitsforschung der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg) definiert Achtsamkeit auf Basis der zugrundeliegenden Motivation der Ausübung. Ist der Anreiz Wachstum und Selbsttransformation, so ist es die Form der Achtsamkeit, die ab dem frühen Buddhismus auftauche. Schaue man in Richtung der westlichen Gesellschaft, wird Achtsamkeit dort eher zur Entspannung und Erforschung des eigenen Selbst genutzt. Vermehrt findet das Konzept auch Anwendung in Klinik und Pädagogik.1

Das Lexikon der Psychologie bietet eine gute Ergänzung: „Achtsamkeit [engl. mindfulness], (…) In der jüngsten Zeit (…) meint der Begriff Achtsamkeit daher das absichtsvolle Gegenwärtigsein unseres Geistes bei allem, was gerade im Moment geschieht, bei Empfindungen des Körpers, Bewegungen des Geistes, Wahrnehmungen und Gefühlen, ohne dass diese beurteilt werden. Empirische Untersuchungen zeigen, dass Achtsamkeit mind. eine Aufmerksamkeitskomponente und eine Akzeptanzkomponente enthält.“2

Achtsamkeit in der Krebstherapie

Seit einigen Jahren rückt die Psychoonkologie als wissenschaftliche Fachrichtung in den Fokus. Sie betrachtet die seelischen und sozialen Bedürfnisse der Patienten und Patientinnen und deren Angehörigen. Experten und Expertinnen empfehlen zu einer medizinischen Therapie auch eine psychosoziale Unterstützung der Betroffenen.3 Darunter fällt z. B. auch das Konzept der Achtsamkeit.

Wie kommen nun Achtsamkeit und Krebstherapie zusammen? Bekannt ist, dass neben den körperlichen Beschwerden einer Krebserkrankung und -therapie auch seelische Beeinträchtigungen eine Rolle spielen. Patienten und Patientinnen empfinden oft Stress, innere Unruhe, Angst, leiden unter Depressionen – all dies hat Auswirkungen auf die Lebensqualität. Sind bei Patienten und Patientinnen psychische Beschwerden vorhanden, die als Ursache die Krebserkrankung haben, werden sowohl die Qualität der Therapie und die Genesung negativ beeinträchtigt.4 So kann Stress einen Einfluss auf das Tumorwachstum und Metastasierung haben.4,5,9 Forschende rund um den Baseler Professor Mohamed Bentires-Alj haben Mechanismen entdeckt, „die deutlich für einen Zusammenhang zwischen einer beschleunigten Bildung von Brustkrebsmetastasen und einem erhöhten Level an Stresshormonen im Körper sprechen“.5 Klinische Studien haben gezeigt, dass chronischer Stress zu einer Verschlimmerung der Krebserkrankung führen kann, u.a. dadurch, dass Stress auf die Hormonsituation des Körpers einwirkt und auch die Tumoraktivität verschlimmern kann. Durch praktizierte Achtsamkeit können Patienten und Patientinnen oft ihre Emotionen besser regulieren und haben Einfluss auf ihr physiologisches System.4 Ph.D. Patricia Poulin und ihre Kollegen und Kolleginnen fanden zudem heraus, dass Achtsamkeit die Schmerzen der Patienten und Patientinnen reduzierte, einen besseren Umgang mit ihrer Krankheit ermöglichte und somit ihre Lebensqualität gesteigert wurde.6   

PhD Srisuda Ngamkham zeigt mit ihren Kollegen und Kolleginnen in ihrer Studie, dass Achtsamkeit als effektive, sichere, nicht-pharmakologische Methode dienen kann, um die Lebensqualität zu verbessern. Schmerzstillende Medikamente seien zwar effektiv, kommen aber häufig mit unerwünschten Nebenwirkungen, wie Verstopfungen, Übelkeit, Schwindel daher – und dazu bergen manche Opioide eine Suchtgefahr.7 Die bereits oben erwähnte Schweizer Forschungsgruppe fand zudem heraus, dass „synthetische Derivate von Stresshormonen, die häufig als entzündungshemmende Mittel in der Krebstherapie eingesetzt werden, die Wirksamkeit der Chemotherapie einschränken können.“5

Eins für alle?

Ob Achtsamkeit eine passende Therapieergänzung ist, kommt oft auch darauf an, welchen kulturellen Hintergrund die Patienten und Patientinnen haben und ob eine generelle oder persönliche Akzeptanz für das Konzept der Achtsamkeit vorhanden ist. Dipl.-Psychologin Beate Hornemann (Psychologische Psychotherapeutin, Leitung Psychoonkologischer Dienst, UniversitätsKrebsCentrum (UCC) Dresden) sagt: „Achtsamkeitsübungen sind für manche mehr geeignet, für andere weniger. Es kommt auf die Persönlichkeit des Einzelnen an, ob er oder sie sich auf diese Übungen einlassen kann – denn letztlich haben diese Übungen etwas mit Neugier und Experimentierfreude zu tun. Aber auch mit der Stärke, sich dem zu stellen, was aus dem Inneren an die Oberfläche gelangen kann, wenn man sich in eine nicht angeleitete Übung begibt, sondern darauf wartet, welche Gedanken und Gefühle von allein auftreten. Gerade wenn Erkrankte in einem körperlich oder psychisch besonders schwierigen Allgemeinzustand sind, kann es sein, dass Achtbarkeitsübungen ihnen schwerfallen.“8

Eine „one-fits-all“-Lösung ist Achtsamkeit daher nicht, aber ein interessanter, ergänzender Therapieansatz.

1Schmidt, S.: Was ist Achtsamkeit? Herkunft, Praxis und Konzeption. SUCHT, 2014, 60 (1), 13-19
2Online unter: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/achtsamkeit  Abgerufen am 10.05.2022.
3Online unter: https://www.krebsinformationsdienst.de/leben/krankheitsverarbeitung/psychoonkologie.php Abgerufen am 10.05.2022.
4ZDehghan, M. (et al): Stress and Quality of Life of Patients with Cancer: The Mediating Role of Mindfulness. Journal of Oncology, 2020. Vol. 2020, Article ID 3289521 https://doi.org/10.1155/2020/3289521
5Online unter: https://www.inpactmedia.com/medizin/meine-gesundheit/kampf-gegen-krebs Abgerufen am 10.05.2022.
6Poulin, P. A. (et al): The relationship between mindfulness, pain intensity, pain catastrophizing, depression, and quality of life among cancer survivors living with chronic neuropathic pain. Supportive Care in Cancer, 2016, 24(10):4167-4175. doi: 10.1007/s00520-016-3243-x. Epub
7Ngamkham S. (et al): A Systematic Review: Mindfulness Intervention for Cancer-Related Pain. Asia Pac J Oncol Nurs., 2019, 6(2):161-169. doi:10.4103/apjon.apjon_67_18
8Online unter: https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/nebenwirkungen-der-therapie/stressreduktion-durch-achtsamkeit.html
Abgerufen am 10.05.2022.
9Ott, M. (et al): Wird mit onkologischen Erkrankungen vor dem Hintergrund psychoneuroimmunologischer Erkenntnisse aktuell angemessen umgegangen? Deutsche Zeitschrift für Onkologie, 2016, 48(04): 144-151. doi: 10.1055/s-0036-1597177

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Jasmin Eckert

Über die Autorin:

Jasmin Eckert hat sich nach ihrem Studium der BWL mit Fachrichtung Eventmanagement für den Healthcare Bereich entschieden und war davon sechs Jahre in der Gesundheits- und Pharma-Kommunikation als Beraterin auf Agenturseite tätig. Seit 2021 ist sie Teil des m:werk Teams und unterstützt nun das Business Development & Agenturmarketing. Sie begeistert sich für fremde Kulturen und lernt gerade hawaiianischen Hulatanz.

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