Mental Load – oder: Wie mich der Lockdown brähsig machte.

Der Blick auf das saftige Grün des nahegelegenen Parks gerichtet, anstatt auf das beschäftige Wirren der Torstraße in Berlin-Mitte. Niemand stört sich an dem Chaos auf meinem Schreibtisch. Oder daran, dass ich im Schneidersitz davorsitze. Homeoffice. Es könnte alles so schön sein. Zumindest in meinem Fall, da ich nicht „nebenbei“ schulpflichtige Kinder unterrichten oder die Dauermeetings eines Partners ertragen muss. Und trotzdem war ich zu Zeiten des Lockdowns genervter und lethargischer als je zuvor…

Welche Konsequenzen die Covid-bedingte Isolation, Beschränkung und Einsamkeit auf die psychische und physische Gesundheit hat, zeigt eine wachsende Anzahl von Studien. Nun wurde allerdings erstmals untersucht, inwiefern sich das Sozialexperiment „Lockdown“ auch auf unsere kognitiven Fähigkeiten auswirkt. Ich gebe zu, dass ich mir bereits selbst etwas Sorgen gemacht habe, als ich RTLs Dating-Format „Are you the One?“ ganz kurzweilig fand. Solange man den Fernsehkonsum aber ironisch betrachtet, kann es doch noch nicht so schlimm um die eigene Intelligenz bestellt sein, oder!?

Auch wenn „Lockdown“ je nach Land ganz unterschiedliche Ausprägungen hatte, so beruhte die Grundidee jedoch überall auf Einschränkungen. Einschränkungen bei der Anzahl von Freunden und Freundinnen, die ich treffen darf, Einschränkungen bei der Curfew, wann ich spätestens wieder zu Hause zu sein habe und auch Einschränkungen dabei, mit wie vielen offenen Weinflaschen ich durch den Park spazieren darf (Spoiler: keine). Diese führten nicht nur bei mir zu dem Gefühl von Isolation (duh!) und Einsamkeit, sondern konnten als weitreichendes Phänomen beschrieben werden.

Darüber hinaus wurde in oben genannter Studie gezeigt, dass auch vergleichsweise kurze Phasen sozialer Isolation – insbesondere mit eingeschränktem Kontakt außerhalb des eigenen Haushalts – negativen Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten haben. Besonders deutlich wurde dies bei Menschen, die allein leben (aka Singles). Wobei natürlich während des Lockdowns nicht ganz trennscharf zu differenzieren war zwischen dem Einfluss sozialer Einschränkung vs. räumlicher Einschränkung oder sogar vs. Einschränkung der körperlichen Aktivität. Denn auch ältere Studien zu den drei Aspekten legen jeweils alle (auch separat voneinander) einen Rückgang der kognitiven Fähigkeiten nahe. Für mich stellt sich an dieser Stelle also eher die Frage, ob ich die Studienergebnisse zu den verschiedenen Aspekten nun kumulieren muss, um herauszufinden, welchen Einfluss der Lockdown auf mein Denkvermögen hatte? Auf der anderen Seite erübrigt sich diese Frage wahrscheinlich auch, vorausgesetzt dessen, dass ich nicht mehr zum logischen Schlussfolgern in der Lage bin… Bevor ich nun aber in Selbstmitleid zerfließe und meiner verloren geglaubten Intelligenz hinterher weine, lasst uns einen Blick auf die positive Botschaft werfen: Die gleiche Studie, die den geistigen Verfall während des Lockdowns beschreibt, zeigt auch, inwiefern mit den ersten Lockerungen auch die Leistung in Bezug auf beispielsweise Aufmerksamkeit sowie Gedächtnis- und Lernfähigkeit wieder zunahm. Es besteht also Hoffnung: Für uns alle! Und vielleicht schaffe auch ich es noch diesen Sommer das RTL-TV-Programm hinter mir zu lassen und mich an multidimensionalen Theateraufführungen, die ein Grundverständnis von kulturellem Kontext voraussetzen, zu erfreuen.

PS: Voller Vorfreude blicke ich den Face-to-Face-Meetings, analogen Kongressen und haptischen Workshops entgegen (ganz uneigennützig natürlich ;))!

Quelle: Ingram, Joanne, et al.:  Social isolation during COVID-19 lockdown impairs cognitive function. Appl Cognit Psychol. 2021; 1– 13. https://doi.org/10.1002/acp.3821.

Wenn Sie mehr über m:werk erfahren möchten, sprechen Sie uns gerne jederzeit an.

Unverbindliche Anfrage

Über die Autorin:

Stephanie Brandt ist Account Director bei m:werk. Nach Stationen bei global agierenden (Netzwerk-)Agenturen, fokussiert sie sich nun auf den deutschen Gesundheitsmarkt und die Entwicklung des Teams am Berliner Standort, der im September 2018 neu eröffnet wurde. Freigeist mit humanistischen Einflüssen: Studium der Literaturwissenschaften, Philosophie und Kunstgeschichte.

Haben Sie Fragen zum Artikel?

Sprechen Sie uns gerne an!

m:werk Healthcare Communication ist als Healthcare- und Pharma-PR-Agentur seit 2000 für Unternehmen der pharmazeutischen Industrie, der Medizintechnik und anderer Healthcare-relevanter Branchen tätig.

Fundament für Beratung und Maßnahmenentwicklung im Rahmen von Kommunikations- und PR-Konzepten ist die datenbasierte Methodik der empirischen Sozial- und Marktforschung. Sie wurde für kommunikative Fragestellungen in der Healthcare-PR, insbesondere des dort verorteten Marketings, adaptiert. Im Kern werden regelmäßig Facharzt- und Patientengruppen repräsentativ und detailliert über ihr aktuelles und vermutet künftiges Informations- und Kommunikationsverhalten befragt. So erhalten wir empirisch-gestützt eine aktuelle, valide, quantitative Daten-Grundlage für den zielgerichteten Budget-Einsatz und für eine präzise crossmediale Gewichtung im jeweiligen Facharzt- oder Patientensegment.

Weiter ergänzen wir diesen Daten-Pool durch qualitative Befragungen (Telefon und online) unter Meinungsbildnern, Klinikern und niedergelassenen Ärzten der verschiedenen Facharztgruppen bzw. Patienten bestimmter Indikationsbereiche.